Blick auf Brasilien: Lokale Ernährungssysteme sind in einer globalen Krise am tragfähigsten

Pressemitteilung vom 27. Mai 2020

Blick auf Brasilien: Lokale Ernährungssysteme sind in einer globalen Krise am tragfähigsten (PM als pdf)

Hamburg, 27. Mai 2020 // Die Corona-Pandemie offenbart die Schwachstellen in unserer globalisierten Welt. Das betrifft keinen Sektor mehr als den Ernährungsbereich. In der jetzigen Krise zeigt sich, wie fragil unsere globalen Lieferketten sind. Der Handel mit Obst, Blumen und Gemüse – ob Fair Trade oder nicht – bricht zurzeit aufgrund des Corona-Virus zusammen, weil Flugzeuge nicht mehr fliegen oder Arbeitskräfte fehlen. Nun wird die Abhängigkeit vieler Schwellen-und Entwicklungsländer deutlich und bedroht die Menschen durch den plötzlichen Verlust ihres Einkommens. Das Welternährungsprogramm warnt vor einer Hunger-Pandemie infolge von Corona. Bedroht sind besonders die Menschen, die bereits jetzt am Existenzminimum leben und kein Geld haben, um sich Lebensmittel leisten zu können. Auch Brasilien ist von der Pandemie stark getroffen, die Corona-Fallzahlen steigen weiter an. Mehr als 23.000 Corona-Totewerden aktuell in Brasilien vermeldet. Betroffen sind vor allem die Amazonasregion, einige Nordoststaaten sowie die Großstädte Rio de Janeiro und Sao Paulo. Der Süden Brasiliens ist derzeit wenig betroffen, steht jedoch auch vor der Herausforderung, die Einkommen von Kleinbäuer*innen zu sichern und die Menschen mit bezahlbaren Nahrungsmitteln zu versorgen.

Brasiliens Landwirtschaft ist stark vom Weltmarkt abhängig. Das Land hat sich in den letzten Jahrzehnten weltweit zum größten Exporteur von Soja, Zucker, Kaffee, Orangensaft, Hühner-und Rindfleisch entwickelt. Mireille Remesch, Referentin für Entwicklungspolitik beim Hamburger Verein „Agrar Koordination“, war im vergangenen Oktoberauf einer Recherchereise zum Thema „Agrarökologie“ im Bundesstaat Paraná im Süden Brasiliens und hat dort viele Familien besucht und interviewt: „Wie wichtig eine lokale und nachhaltige Lebensmittelproduktion für die Ernährungssicherung ist, zeigt sich in der aktuellen Situation. In Südbrasilien beispielsweisekonnte sich in den letzten 10 Jahren eine kleinbäuerliche Landwirtschaft entwickeln, die ohne den Einsatz von Pestiziden heimische Nahrungsmittel produziert.“ In der Corona-Krise sind sie es, die zur Versorgung der lokalen Bevölkerung mit gesunden Lebensmitteln beitragen. Obwohl derzeit Bauernmärkte und Schulen geschlossen sind, wird der Verkauf über Bestellungen per Handy organisiert. Die Schulverpflegung, die in Brasilien kostenlos ist und entsprechend des Schulspeisungsgesetzes von der kleinbäuerlichen Familienlandwirtschaft produziert wird, wird derzeit direkt an die Familien nach Hause geliefert. Dies ist jedoch nur möglich, weil die soziale Bewegung in Brasilien viele Jahre für diese Strukturen gekämpft hat.

Globale Handelsabkommen wie das umstrittene MERCOSUR-Abkommen verschärfen die Ernährungslage der Armen und marginalisierten Bevölkerungsschichten. Die Ausrichtung der landwirtschaftlichen Produktion auf Exportmärkte setzt Kleinbauern unter enormen Preisdruck und zerstört nicht selten mühsam aufgebaute lokale Strukturen. Mireille Remesch fordert deshalb: „Die Entwicklungszusammenarbeit ist in erster Linie auf lokale Lösungen und regionale Märkte auszurichten und nicht auf die Anknüpfung von Bäuerinnen und Bauern an den Weltmarkt. Hier muss eine Neuausrichtung geschehen, um aus der Pandemie zu lernen.“

27.05.2020

Jaine Amorin

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