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Roundup & Co - Unterschätzte Gefahren

by Sybilla Keitel

Kampagne für den Schutz von Menschen, Tieren und Umwelt vor (Glyphosat-haltigen) Totalherbiziden

Die öffentliche und wissenschaftliche Debatte um Glyphosat, den weltweit meistverkauften Pestizidwirkstoff, ist brisant. Die deutschen und europäischen Zulassungsbehörden halten Glyphosat für einen Wirkstoff, der ohne Bedenken in der Landwirtschaft angewendet werden kann. Doch viele wissenschaftliche Studien und Erfahrungsberichte weisen auf erhebliche Gefahren für Menschen, Tiere und Umwelt hin. Wir mischen uns mit unserer Kampagne in diese Debatte ein. Mit unserer Kampagne möchten wir:

•             die Öffentlichkeit, Landwirte und Hobbygärtner über die Gefahren von Glyphosat und anderen Totalherbiziden aufklären.

•             darauf hinwirken, dass die zuständigen Politiker und Zulassungsbehörden die Gefahren von Glyphosat und anderen Totalherbiziden ernst nehmen und notwendige Maßnahmen zum Schutz von Menschen, Tieren und Umwelt ergreifen. In Zusammenhang damit möchten wir uns für grundlegende Reformen bei den Regularien für die Pestizidzulassung und Risikobewertung in Europa einsetzen.

•             speziell auf die besonderen Probleme beim Einsatz von Glyphosat und anderen Totalherbiziden in Entwicklungsländer aufmerksam machen. Wir appellieren an Akteure in der Entwicklungspolitik, sich für den Schutz von Menschen in Entwicklungsländern vor Totalherbiziden einzusetzen.  

Hier finden Sie unseren Kampagnenflyer.

Möchten Sie mehr erfahren? Dann kontaktieren Sie uns unter julia.sievers[at]agrarkoordination.de

 

Jahresrückblick 2015

 

2015 war ein ereignisreiches Jahr in Sachen Glyphosat - sowohl im Hinblick auf die Kampagne der Agrar Koordination als auch bezüglich der internationalen Debatte zu den toxischen Effekten des weltweit meistverkauften Pestizidwirkstoffs. Es war ein entscheidendes Jahr für die Frage, ob Glyphosat für weitere 10 Jahre auf dem EU-Markt zugelassen bleibt. Während das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) schon Ende 2012 zu dem Schluss kam, dass Glyphosat nicht humantoxisch sei, konnte daran auch das öffentliche Konsultationsverfahren im Jahr 2013, an dem sich die Agrar Koordination beteiligte, nichts ändern.

Spannung kam im März dieses Jahres auf, als die Internationale Krebsforschungsagentur IARC (International Agency for Research on Cancer) öffentlich bekannt gab, dass sie Glyphosat als "wahrscheinlich krebserregend" für den Menschen einstuft. Nach dem Bewertungssystem der im Bereich der Krebsforschung renommierten IARC bedeutet das, dass sehr schlagkräftige wissenschaftliche Hinweise auf eine krebserzeugende Wirkung vorliegen müssen. Die öffentliche Aufmerksamkeit für das Glyphosat-Zulassungsverfahren stieg mit der IARC-Bewertung schlagartig an - die Medienberichte häuften sich. Die große Frage war: Wird die IARC-Bewertung die zuständigen Behörden zum Umdenken bewegen und ein Verbot von Glyphosat doch noch möglich machen? Die Kritik an der Bewertung des BfR wurde immer lauter - und Toxikologen deckten detailliert schwerwiegende Fehler im Bewertungsbericht des BfR auf, die stark darauf hindeuteten, dass die Behörde an die Bewertung voreingenommen zugunsten von Glyphosat herangegangen ist. Die Argumente für ein Verbot von Glyphosat wiegen schwer - neben der krebserzeugenden Wirkung verursacht Glyphosat offenbar auch Missbildungen bei Neugeborenen und weitere gravierende Gesundheitseffekte.

Die Agrar Koordination hat mit vollem Einsatz dazu beigetragen, den öffentlichen Druck auf die zuständigen Behörden, Politiker und Konzerne zu erhöhen und die Öffentlichkeit über die Gefahren von Glyphosat aufzuklären. Neben der Publikation verschiedener Artikel und einer taz-Beilage zu Glyphosat koordinerte die Agrar Koordination die Veröffentlichung eines Positionspapiers, in dem 12 Nichtregierungsorganisationn konkrete Forderungen im Hinblick auf Glyphosat und die Pestizidpolitik an die Bundesregierung richten. Und für einen Appell an den Bundeslandwirtschaftsminister, in dem er aufgefordert wird, sich für ein Glyphosat-Verbot, grundlegende Reformen des Pestizidzulassungssystems und eine verstärkte Förderung der ökologischen Landwirtschaft einzusetzen, wurden bis zum Jahresende 4487 Unterschriften gesammelt. Sie werden im Januar 2016 übergeben.

Die Auseinandersetzung wurde auch mit Glyphosat-Herstellern geführt. Mit einer Rede bei der Bayer-Hauptversammlung hat unsere Kampagnen-Verantwortliche Julia Sievers-Langer den Konzernvorstand aufgefordert, Glyphosat und das ebenfalls humantoxische Glufosinat vom Markt zu nehmen. Der Vorstand musste sich kritische Fragen und Kommentare gefallen lassen und beantwortete sie - erwartungsgemäß - ausweichend.

Anfragen der Agrar Koordination an die Arbeitsgemeinschaft Glyphosat - ein Zusammenschluss Glyphosat-produzierender Unternehmen - ergaben, dass der besonders toxische Beistoff POE-Tallowamin zwar in Deutschland vom Markt genommen wurde, weltweit aber noch Glyphosat-Produkten beigemengt wird. Wissenschaftliche Studien zeigen, dass tallowaminhaltige Glyphosatprodukte um ein Vielfaches toxischer sind als Glyphosat allein. Das ist ein entscheidendes Argument für die Forderung der Agrar Koordination an Institutionen der Entwicklungszusammenarbeit, sich unabhängig vom Ausgang des EU-Zulassungsverfahrens für eine Beendigung des Einsatzes Glyphosat-haltiger Pestizide in Partnerländern einzusetzen.

Ob unser Postkarten-Appell an das BMZ, in dem wir auch fordern, nicht-chemische Verfahren des Pflanzenschutzes in Partnerländern verstärkt zu fördern, schon Wirkung gezeigt hat, ist fraglich. Die Antwort der Bundesregierung auf eine kleine Anfrage von Bündnis 90/Die Grünen zeigt, dass die Potentiale ökologischer Landwirtschaft für Kleinbäuerinnen und -bauern in Partnerländern immer noch unterschätzt und weitgehend ignoriert werden. Auch dem eigenen Anspruch, integrierten Pflanzenschutz zu fördern, wird die staatliche Entwicklungszusammenarbeit offenbar nicht konsequent gerecht, wie zum Beispiel ein Trainingsmanual eines afrikanischen Reisanbauprojektes (CARI) zeigt, in dem der Einsatz von Glyphosat explizit empfohlen wird und nicht-chemische Verfahren des Pflanzenschutzes keinesfalls Vorrang haben (wie es der Integrierte Pflanzenschutz eigentlich vorsieht).

Auf Grund der analysierten Probleme veröffentlichte die Agrar Koordination im November 2015 ein Hintergrund- und Positionspapier, um einen grundlegenden Sinneswandel der staatlichen Entwicklungszusammenarbeit im Hinblick auf den Pestizideinsatz und bezüglich der Zusammenarbeit mit Pestizidherstellern anzuregen.

Auch eine Vortragsreise mit dem argentinischen Arzt Dr. Medardo Avila Vazquez im November 2015 diente dem Ziel, auf die besonders schwerwiegenden Folgen des Glyphosateinsatzes in Ländern mit geringeren Schutzvorkehrungen (zu denen die Partnerländer der deutschen Entwicklungszusammenarbeit zählen) aufmerksam zu machen. Bei Veranstaltungen in Aachen, Bonn, Berlin, Hamburg und Oberursel (bei Frankfurt am Main) haben ca. 200 Menschen dem beeindruckenden Vortrag des engagierten Arztes zugehört und sich an interessanten Diskussionen beteiligt. Die Agrar Koordination bemühte sich im Vorfeld der Reise auch um eine Dialogveranstaltung mit der GIZ, doch die Leitung der Landwirtschaftsabteilung lehnte ab. Die schriftliche Begründung der Absage zeigte, dass in der Führungsetage der Abteilung der Wille groß ist, am Glauben an die Unbedenklichkeit von Glyphosat festzuhalten und sich nicht auf eine sachliche Auseinandersetzung einzulassen. Kurzfristig beauftragte dann jedoch der erkrankte Stefan Schmitz (BMZ) einen GIZ-Mitarbeiter, ihn bei unserer entwicklungspolitischen Glyphosat-Tagung in Berlin zu vertreten - ohne aber die offizielle Position des BMZ oder der GIZ erläutern zu dürfen. Weitere entwicklungspolitische Akteure konnten dennoch erreicht werden, auch durch ein Gespräch im BMZ und eine Diskussionsveranstaltung im Deutschen Institut für Entwicklungspolitik (DIE) in Bonn. Erfreulich war das große Presseinteresse an der Vortragsreise und der Arbeit des argentinischen Arztes, das sich in zahlreichen Berichten in Zeitungen und Radio und an Filmaufnahmen während unserer Tagung zeigte.

Und das Ende der Geschichte des Zulassungsverfahrens? Es wird wohl eine Glyphosat-Zulassung für weitere 10 Jahre geben. Am 12. November 2015 gab die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) bekannt, dass sie eine Neuzulassung für Glyphosat empfehle - sie schloss sich dem Urteil des BfR an, dass Glyphosat "wahrscheinlich nicht krebserregend" sei. Anfang nächsten Jahres wird dann die EU-Kommission unter Beteiligung aller Mitgliedsstaaten die Entscheidung treffen. Ein Happy End ist wenig wahrscheinlich. Aber der Kampf für ein Glyphosatverbot ist damit nicht vorbei. Nun sollte ernsthaft der Weg einer gerichtlichen Klage gegen das skandalöse Zulassungsverfahren geprüft werden. Die Geschichte zeigt (Beispiel Dioxin, Nikotin...), dass es oft leider etwas länger dauert, bis sich die Wahrheit durchsetzt - so wohl auch im Fall von Glyphosat.